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1 wichtige Fähigkeit, die Selbstverteidigung dich lehrt


Situationen, die jeder von uns kennt:

  • Der Parkplatz ist menschenleer. Es hat geregnet. Der Wind weht und jagt Lisa einen Schauer über den Rücken. Sie fühlt sich nicht allein. Jeden Abend, wenn sie über diesen Platz geht, spürt sie, dass etwas oder jemand sie beobachtet. Ihr Körper zittert unkontrolliert. Ihr Atem geht schneller und flacher. Am liebsten würde sie rennen, doch ihre Beine weigern sich, ihr zu gehorchen...
  • Marc hat dem Bewerbungsgespräch lange entgegen gefiebert, jetzt sitzt er seinem womöglich zukünftigen Chef gegenüber. Das Gespräch beginnt und plötzlich spürt Marc, wie er immer unruhiger wird. Schweiß tritt in die Ecken seiner Stirn und seine Finger fühlen sich feucht an. Er hat das Gefühl, als würden die Blicke seines Gegenübers ihn durchbohren und sich ein Kloß in seinem Hals festsetzen, so dass er kaum ein Wort hervorbringt…

In beiden Szenarien existiert keine akute Bedrohung, und doch genügen einige unangenehme oder merkwürdige Umstände, um Lisa und Marc das Gefühl zu geben, dass sie nicht Herren der Lage sind. Wie aber würden sie reagieren, wenn sie wirklich einmal in eine brenzlige Lage gerieten, in der es erforderlich wird, sich oder andere gegenüber eine Gefahr zu behaupten?

 

Womöglich nicht anders als in den oben beschriebenen Fällen, denn die körperliche Reaktion ist immer dieselbe: unser Atem gerät ins Stocken, unser Herz rast, wir schwitzen, unsere Pupillen weiten sich… Unser Körper antwortet auf potentielle Gefahren mit verbesserter Blutversorgung der Muskeln und dem Ausstoß von Hormonen, um uns auf das, was kommt, bestmöglich vorzubereiten.

 

Aber was, wenn wir weder zum Angriff, noch wenigstens zur Flucht in der Lage sind?

 

Dann reden wir von der sogenannten Angststarre. Sie blockiert sämtliche Handlungen, mit denen wir auf den drohenden Angriff antworten könnten. Lisa bleibt womöglich mitten auf dem Parkplatz stehen, unfähig, auch nur einen Schritt weiterzugehen. Marc verhaspelt sich und verfällt schließlich ganz in peinlich berührtes Schweigen.

 Selbstverteidigungstraining lehrt uns eine Fähigkeit, die uns hilft, diese Starre zu überwinden. (Wenn wir fortgeschrittener sind, können wir ihr sogar ein Stück weit vorbeugen.)

 

Die Rede ist von Handlungsfähigkeit.

 

Im Selbstverteidigungstraining lernen wir nicht nur die saubere Ausführung von Techniken, sondern setzen uns auch unterschiedlichen Angriffs- und Drucksituationen aus, in denen es darauf ankommt, angemessen und effektiv zu reagieren. Wir werden mit unserem eigenen Reaktionsverhalten konfrontiert und zugleich ermutigt, es positiv zu verändern.

 

Das Gefühl der „Ohn-Macht“, also des „machtlos Seins“ ist ist ein Bestandteil der großen Palette menschlicher Erfahrungen. Handlungsfähig sein bedeutet, genau dieses „ohne Macht sein“ zu ersetzen durch Gefühle der Kraft und des Selbstbewusstseins. Handlungsfähigkeit ist Macht über sich selbst: Dank ihr können wir uns selbst als aktiv und gestaltend erfahren.

 

Wie gelingt das? Der erste Schritt ist Bewusstheit:

  • Wo bin ich gerade?
  • Wie ist meine Atmung?
  • Was fühle und denke ich gerade?
  • Was mache ich?
  • Wie sieht mein Umfeld aus?
  • Wer ist noch da?

Wichtig ist es, diese Fragen Stück für Stück zu automatisieren, d.h. sie zu einer ehrlichen und konstruktiven Selbstprüfung zu bündeln, die wir irgendwann wie von selbst starten. Meditation kann hier einen hilfreichen Einstieg bieten, denn sie lehrt uns, bewusst auf unser Innenleben zu achten, Tendenzen und Schwingungen wahrzunehmen und unsere innere Mitte zu finden. Aber auch im Selbstverteidigungstraining lernen wir diese Gegenwärtigkeit von Gedanken und Wahrnehmung - wie sonst könnten wir uns optimal auf den Ernstfall vorbereiten?

 

Wenn wir in der Lage sind, vollauf bei uns zu sein, dann können wir nahezu jeder Situation ihren bedrohlichen oder unüberschaubaren Charakter nehmen. Diese Fähigkeit ist nicht nur von großer Bedeutung für eine effektive Selbstverteidigung, sondern hilft uns auch in vielen anderen Situationen unseres Lebens, in denen es darauf ankommt, präsent zu sein.

 

Überlege einmal für dich, wann ein guter Moment ist, um in dich zu gehen, um dir die oben genannten Fragen zu stellen und schaue, was passiert, wenn du es tust. Welche Eindrücke gewinnst du? Was lernst du über dich selbst? Wie fühlst du dich selbst in diesem Augenblick?

 

Allzeit Klarheit wünsche ich dir!

 

Dein Christian


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Kommentare: 2
  • #1

    Irene (Montag, 02 April 2018 09:24)

    Guten Morgen Christian.
    Erst gratuliere ich Dir zur deinem Blog und freue mich dich weiter begleiten zu dürfen.
    Ja, man (Frau) ist nicht nur einmal in solcher Situation, wo Angst dir regelrecht die Sicht versperrt.
    Ich sehe , es gibt viel zu lernen.
    Danke und bis bald �

  • #2

    Christian Schiller (Samstag, 14 April 2018 12:13)

    Hallo Irene!
    Vielen lieben Dank für deinen Kommentar! Ich freue mich, dass du mich auf meinem Weg begleitest. Gemeinsam werden wir viel lernen und wachsen. :-)
    Alles Gute!
    Dein Christian