“Ich lasse dich wie du bist.” - Vom Lösen und Annehmen


Einer der wichtigen Grundsätze im Yip M.A.N. Wing Tsun lautet:

 

Befreie dich von deiner eigenen Kraft.

 

"Wie bitte?"

 

Mehr als einmal hat mich dieser Satz stutzig gemacht. Wie soll ich mich von meiner Kraft “befreien”? SIe ist doch immer in mir, natürlich und mir eigen. Ich brauche Kraft für die Erfüllung meiner Aufgaben, um den Tag zu begehen, um mich für eine Sache einzusetzen - und natürlich auch, um mich zu verteidigen.

 

Ich bin sogar soweit, "Kraft" zu einem zentralen Gedanken in meinem Leben zu machen, um vorwärts zu kommen, um Projekte zu realisieren und meine Träume zu verwirklichen. Viel zu lange habe ich abgewartet, gezögert und gezaudert, habe in den Schatten gelebt und darauf gehofft, dass ein Wunder vom Himmel fällt und alles rettet.

 

Ohne Kraft geht es nicht!

 

Oder doch?

 

Was für eine Kraft ist denn bei diesem Satz gemeint? Die rein körperliche Kraft oder (auch) eine mehr geistige und spirituelle Kraft?

 

Kraftformen

 

Im Selbstverteidigungstraining werden wir dazu aufgefordert, nicht miteinander zu ringen, also Kraft gegen Kraft anzuwenden, sondern vielmehr die Kraft des anderen zu erfassen und für uns zu nutzen. Dafür, so mein Sifu, müssen wir uns aber erst von der eigenen Kraft befreien, denn nur dann sind überhaupt offen dafür, die Kraft des anderen zu spüren und aufzunehmen.

 

Es scheint als etwas von beidem zu sein: die rein körperliche Kraft, die wir gegen unseren Gegner richten, gesteuert von der nicht-körperlichen Kraft, z. B. unserem Willen oder unseren Emotionen, die etwas ganz bestimmtes erreichen wollen, etwa den Gegner wegdrücken oder seine Umklammerung durchbrechen.

 

Unser Geist, d.h. unser Denken und unsere Überzeugungen, müssen erst freier, beweglicher und aktiver werden, damit unser Körper, d. h. unsere Handlungen, es auch werden können. Und hier hilft dann der Satz von oben: befreie dich von deiner eigenen Kraft!

 

Es ist die Kraft, die festhält, die auf Teufel komm raus in eine bestimmte Richtung laufen will, die aus Panik und Angst heraus wild um sich schlägt, ohne ihr Ziel zu treffen, die uns angreifbar und verwundbar macht.

 

Der Körper folgt dem Geist

 

Frage dich:

 

  • Wogegen kämpfst du innerlich an?
  • Was lehnst du innerlich an dir selbst und an anderen ab?
  • Was sind deine inneren Blockaden, die dich fesseln, die Ansichten/Meinungen/Grundsätze, denen du dich unterwirfst?

Erkenne, dass du im Grunde gar nicht gefesselt bist, sondern dich jederzeit lösen und frei bewegen kannst.

 

Bleibt die Frage: Wohin?

 

Meine Erfahrung ist, dass ich oft kämpfe, wenn Dinge oder Menschen nicht so sind wie ich sie haben will, d.h. wenn ich ihre Verhaltensweisen und Ansichten ablehne. Dann wächst in mir ein starker Widerwille und der Wunsch nach Abgrenzung und Distanz.

 

Ich kann mich nur davon lösen, wenn ich anerkenne, dass meine Werte erst einmal für mich gelten und ich meine Handlungen und Denkweisen nach ihnen beurteilen sollte, nicht die der anderen. Wenn diese sich anders verhalten, dann ist das erst einmal so. Dies sollte nicht mit sorglosen Hinnehmen verwechselt, sondern vielmehr als ein aktives Annehmen, ein Sich-zu-eigen-Machen und JA sagen verstanden werden.

 

Hoffentlich können dir diese Erkenntnise bei deinem inneren Weg einen wichtigen Impuls liefern.

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