Wie ich Angststarre erlebte, sie auflöste und was ich aus ihr lernte


Als Berufstätiger pendle ich täglich rund 160 km. Die meiste Zeit macht mir das wenig aus, aber es gibt Tage, an denen ich mir wünschte, dass mein Auto Flügel hätte, um über alles und jeden hinweg zu fliegen und schneller an mein Ziel zu gelangen. ;-)

 

Es ist schon ein paar Wochen her, als wieder einmal ein solcher Tag war. Ich hatte mich schon auf der Arbeit an verschiedenen Dingen gestört und dann ging es auch noch auf der Autobahn nicht richtig voran. Ich wollte vorwärts, Gas geben, wegkommen und nicht, wie all die anderen, vor mir hin juckeln. Also trat ich aufs Gaspedal, wechselte häufiger die Spur und war bereit, hie und da auch etwas gewagter zu fahren. Tunnelblick, Platz da, hier komme ich!

 

Die A1 kreuzt die A4 im Kreuz Köln West. Um auf die A4 Richtung Aachen zu gelangen, muss ich durch den Lövenicher Tunnel fahren und dort die Abfahrt nehmen. Gleichzeitig fahren an dieser Stelle Autos über die Lövenicher Auffahrt auf die A1 auf. Ich fuhr in diesem Augenblick auf der mittleren der drei Spuren der A1 und war vollauf darauf fokussiert, eine Lücke auf der rechten Seite zu erhaschen und meine Abfahrt noch rechtzeitig zu erwischen. Ich hatte bei meinem Manöver nur Augen für die von rechts rechts kommenden Fahrzeuge. Ich erkannte eine Lücke und stieß vor…

 

Genau in dem Moment, als ich auf die rechte Spur wechseln wollte, hallte lautes Hupen durch den Tunnel. Ich erschrak, schaute blitzschnell nach links und erkannte, wie vor mir ein silberner, bulliger BMW, von der linken Spur kommend, bereits zum Wechsel auf meine Spur angesetzt hatte. Der Aufprall wäre unvermeidlich gewesen, hätte ich nicht im letzten Moment noch abgebremst.

 

Ich war ganz knapp einem Verkehrsunfall entgangen und meine aktiven, nach vorne gerichteten Gedanken und Gefühle verkehrten sich in ihr Gegenteil. Ich erstarrte, presste die Lippen zusammen und hielt den Atem an. Mit einem Mal fühlte ich mich kleiner und furchtsamer. Denn jetzt begann das Spiel erst richtig. Dem BMW-Fahrer gefiel meine Aktion gar nicht, weshalb er beschloss, absichtlich vor mir auf Schritttempo herunter zu bremsen. Durch meinen Vordermann ausgebremst zu werden, ließ ihn mir ein mulmig-quälendes Gefühl aufsteigen. Ich begann zu zittern und wusste nicht, was ich tun sollte, außer auf Abstand zu bleiben und zu hoffen, dass sich die Situation schnell wieder auflösen würde.

 

Die Angst blieb. Wie Wellen, die dadurch entstehen, dass wir einen Stein ins Wasser werfen, stieß sie durch meinen Körper.

 

Wir fuhren eine Weile mit diesem Abstand auf der A4, bis wir die Raststätte Frechen erreichten. Ich ließ den silbernen BMW nicht aus den Augen. Dieser setzte den Blinker und fuhr - auffällig langsam - auf den Rastplatz. Ich fuhr weiter. Sofort schaltete ich: Die kommen wieder. Und tatsächlich: Ich war kaum am Rastplatz vorbeigefahren, als ich auch schon aus dem Augenwinkel sah, wie der BMW wieder auf die Autobahn auffuhr. Mein Herz begann zu rasen, ich hielt das Lenkrad fest wie einen Rettungsring und schaute geradewegs nach vorne, denn ich wusste genau was jetzt kommen würde. In diesem Moment sagte ich zu mir:

 

“Christian, egal was passiert, schau nach vorne, nicht zur Seite. Schau einfach nach vorne und verzieh keine Miene.”

 

Der BMW tauchte erst hinter mir auf, dann setzte er links neben mich und zog gleich, so dass wir Fahrer auf einer Höhe waren. Ich atmete tief durch und tat, wie ich es mir selbst aufgetragen hatte. Von der Seite spürte ich die provozierenden Blicke, die erwarteten, dass ich herüber schaute. Die Sekunden verstrichen als wären es Stunden; endlich gab der BMW-Fahrer Gas und fuhr davon.

 

Mein Körper zitterte jetzt noch stärker als zuvor, ein fetter Kloß saß in meinem Hals und ich sackte förmlich in meinem Autositz zusammen. Tausend Gedanken schossen mir durch den Kopf, darunter: Was wäre gewesen, wenn die mir weiter gefolgt wären? Wenn ich irgendwo angehalten und ausgestiegen wäre und diese Typen plötzlich hinter mir gestanden hätten? Wenn sie irgendetwas auf der Autobahn selbst abgezogen hätten…

Glücklicherweise trat all das nicht ein und ich sah sie bis zum heutigen Tag nicht wieder.

 

Warum aber konnte ich beim Rastplatz so reagieren, wie ich es tat?

 

Weil ich aufgewacht war.

 

In dem Moment, als ich beinahe auf den BMW aufgefahren wäre, wurde ich aus meinem mentalen Tunnelblick herausgerissen und in die neue Situation hinein geworfen. Dann begann das Spielchen mit dem Ausbremsen und Verfolgen, das mir eine mega Angst einjagte, denn nie zuvor war mir so etwas passiert!

 

Aber: Ich war bei mir. Ich vergewisserte mich, keinerlei Signale der Aggression auszusenden, denn zweifellos fühlten sich die Herren in dem BMW von mir angegriffen oder zumindest falsch behandelt. Und ja, ich hatte einen Fehler gemacht. Aus diesem Fehler habe ich gelernt:

  • Sei bei dir, jederzeit, zu 100 %.
    Klar schweifen unsere Gedanken ab und natürlich verlieren wir uns auch mal in dem einen oder anderen Tagtraum oder unsere Aufmerksamkeit wird von irgendetwas in unserer Nähe vollends aufgesogen. Aber umso wichtiger ist, die Fähigkeit zu entwickeln, dabei nicht einfach nur passives Objekt, sondern aufmerksamer Beobachter zu sein - um rechtzeitig den Fokus zu wechseln!
  • Das, was du in die Welt transportierst, wird dir dort wiederbegegnen, es wird zu dir zurückkommen, in ganz unterschiedlicher Form.
    Ich war an jenem Tag verärgert, wütend, genervt, ja ich verspürte beinahe Hass auf all die anderen Menschen und Autofahrer, von denen ich mich ausgebremst und bedrängt fühlte. Und in meiner (vermeintlich gerechten) Wut versuchte ich, mit dem Kopf durch die Wand zu gehen (oder zu fahren). Und das war dann das Resultat. Also: Achte auf deine Gedanken, Gefühle und Handlungen!
  • Deeskalation.
    Wenn es wirklich Kämpfe, Gewalt, Wut und Hass in der Welt geben muss, warum muss es dann bei dir anfangen? Musst du Urheber*in all dessen sein? Und wenn dir jemand feindselig begegnet, ist das dann nicht eher so, als stündest du vor einem Verblendeten oder einem quengeligen Kind, das es in diesem Moment einfach nicht besser weiß?

Fazit: Ich fiel in Angststarre - der Beinah-Aufprall, der Schock, das Ausgrembstwerden. Ich fing mich selbst auf, setzte auf Abstand und Deeskalation, selbst noch auf der Höhe des Rastplatzes, wo die ganze Geschichte doch eigentlich hätte erledigt sein müssen. Ich hätte mich auch in die Situation hineinsteigern, auf meine Position und meine Rechte pochen und die Herausforderung durch den BMW annehmen können.

 

Es ist allerdings mehr als fraglich, ob ich diesen Kampf gewonnen hätte - und, ob es überhaupt ein lohnenswerter Kampf gewesen wäre.

 

Ich wünsche dir allzeit inneren Frieden.

 

Dein Christian


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Kommentare: 2
  • #1

    Ellen (Freitag, 13 April 2018 17:28)

    Hi Christian - da kannst Du ja froh sein, dass Du diese Situation gut überstanden hast, super ! Es hätte auch anders ausgehen können... Es ist aber verständlich, dass man manchmal so eine Wut bekommt auf rücksichtslose Drängler und völlig verärgerte Fahrer, die einen "schneiden" oder so dicht auffahren, dass man Angst bekommt in eine Situation zu geraten kurzfristig bremsen zu müssen. Je nach Tagesform geht es ja, aber wenn man schon quasi "falsch aufgestanden" ist, dann erhöht sich der Stresspegel und man verliert sich ein wenig.
    In meinem Selbstverteidigungstraining bei Euch habe ich mir das Wichtigste mitgenommen und werde es behalten:
    Ruhig durchatmen und bei sich selbst bleiben ☺�
    Auf das Du nicht mehr in eine so blöde Situation gerätst � ......... was bei so vielen Kilometern, die Du tagtäglich abreissen mußt, nicht selbstverständlich ist. Ich drücke Dir die Daumen ✊�
    Liebe Grüße, Ellen

  • #2

    Christian Schiller (Samstag, 14 April 2018 12:12)

    Hi Ellen!
    Vielen Dank für deinen Kommentar. Ja, bei so vielen Kilometern bin ich stets der "Gefahr" ausgesetzt, in diese Falle zu tappen, zugleich bietet es aber auch viele gute Gelegenheiten, das, was du beschrieben hast, zu üben. :-) Schön, dass du dies für dich mitgenommen hast und in dein Leben integrierst!
    Alles Gute!
    Dein Christian